Narcissistic Turns

von Christian Bomm

Viele Wege führen nach Rom, auch der des jüngeren Filmemachens. In Rom nämlich schrieb Ovid um das Jahr Null seine Geschichte von Narziss, jenem Jüngling der aufgrund seiner Arroganz und seiner abweisenden Art verflucht wurde: Über einen See gebeugt, verliebt er sich in sein eigenes unerreichbares Spiegelbild erstarrt vor Rührung und sehnt sich zu Tode. Noch in der Unterwelt soll er am Wasser gesessen sein und sich angebetet haben. Bei der Spiegelung auf den Wellen könnte man vom ersten menschlichen Bewegtbild sprechen.

Zur gleichen Zeit, Ovids Mythen machten gerade die Runde, traf ein junger Römer namens Obsius in der Stadt ein und brachte Plinius dem Älteren ein Gestein aus Äthiopien mit. Es hatte noch keinen Namen und der Naturforscher taufte es nach seinem Entdecker: Obsidian. Dieses Gestein entsteht, wenn heiße Lava in Wasser fällt und erstarrt. Die rasche Kühlung erzeugt ein schwarzes Lavaglas. Seine Bruchstellen und Kanten sind messerscharf und deshalb nutzen es Steinzeitmenschen vornehmlich als Waffen zur Jag oder im Krieg. Glattgeschliffen wurde Obsidian schon vor 10000 Jahren als Spiegel verwendet, das sieht in etwa so aus wie Kubricks Monolith in Space Odyssee, nur kleiner . Der große Vorteil des Obsidianspiegels: Das eigene Abbild wurde transportabel.

Jumpcut: Heute schauen Menschen, über Smartphones und Tablets gebeugt, ihre virtuellen Ebenbilder an, zeichnen sie auf, verbreiten sie im Internet und erzeugen Content. Das Netz ist voll mit narzisstischen Selbstdarstellungen und Ratgebern und überhaupt: Bezieht man Youtubefilme bestimmter Längen ins Spektrum der Kurzfilmgenres ein, haben jene Formen, bei denen Kamera, Regie und Darsteller in einer Person zusammen kommen, einen hohen Anteil. Autorenproduktionen neuerer Schule, könnte man sagen. Manchmal kommt dabei nicht nur Content, sondern ein Film mit Inhalt raus.

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Night Fishing

In der Festivallandschaft des Kurzfilms hielt der Smartphone-Film auch recht bald Einzug. Den GOldenen Bären gewann 2011 PARKing Chance‘s Kurzfilm NIGHT FISHING, der komplett mit einem iPhone gedreht wurde. Und schon 2008 schoss Markus Wambsganss seinen Film IN URANIAS mit einem Handy. Er filmte jeweils Reisen in den USA und dem Iran. Darüber legte er Jasmin Tabatabais Stimme, die den inneren Monolog eines iranisch-amerikanischen Moslems spricht. Das narzisstische Prinzip des Ichs im Hier und Jetzt muss also per se nichts schlechtes sein – Selbstreflexion eben, bestenfalls Selbsterkenntnis. Und die war ja das höchste Ziel der alten Griechen und Römer, wenn sie nachdenklich in ihre Spiegel  aus Silber oder Obsidian schauten.

Obsidian besteht im Übrigen bis zu siebzig Prozent aus Kieselsäure Si(OH)4 . Spaltet man die Säure auf entsteht Siliziumdioxid, das wichtigste Produkt zur Herstellung von Computerchips. Smartphones, Tablets und Digi-Cams sind also damit die Urenkel der steinzeitlichen Werkzeuge, Waffen und Spiegel. Doch war der Obsidan mit seinen Einsatzmöglichkeiten entweder Mittel zur Selbstzerstörung oder Selbsterkenntnis, sind seine heutigen Verwandten immer beides: Jedes aufgenommene Video, jeder kurze Smartfilm sind auch Informationen in einem Techno-Krieg. Selfie-Partyvideos beenden Karrieren, Dokumentationen von Straßenunruhen stürzen Diktaturen. Waffen sind eben auch zur Verteidigung da, man darf es nicht allzu schwarz sehen.

Insofern ist der auf dem Handy gedrehte Film nicht nur minderes Youtubematerial sondern subversiv, bisweilen avantgardistisch, und bringt neue Impulse in die Kurzfilmproduktion. Nicht nur ästhetisch, auch inhaltlich und vor allem in der Herstellung, die flexibler und oftmals förderfrei zu hoher Qualität und großem Publikum führen kann (Reichweite sagt man heute bei Filmen im Netz, Wurfweite sagte man bei Speerspitzen).  Auch wenn man hier noch immer von einer kleinen Menge im riesigen See der Contentproduktion spricht, in dem sich neue Generationen von Filmemachern spiegeln.

In Uranias from mrks.16 on Vimeo.

Weißblende: Dreht sich die Menschheit seit Jahrtausenden tatsächlich um sich selbst und das immer gleiche Material der Selbst-Erkenntnis und Selbstzerstörung, so sorgt doch das Kreisen heute für viele neue Möglichkeiten, Sprachen und Bilder kurzen Films. Und das muss man einfach auch mal positiv sehen. Ich fange jetzt an, einen Film über Elektroschrotthalden in Äthiopien machen. In diesem Sinne: Ermächtige dich selbst! Erkenne dich selbst! Mache Filme!

 

Christian Bomm studierte Kunst und visuelle Kommunikation an der Bauhaus-Universität in Weimar. Er diplomierte mit zwei Filmen zu Mikrotechnologien, Mythen und Reflexion. Seit 2013 arbeitet er für die Berlinale.

 

 

Neue scharfgewetzte Erzählweisen

Gedanken zu ‚Notre Héritage‘ von Jonathan Vinel in Zusammenarbeit mit Caroline Poggi

Von Saskia Walker

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Vor zwei Jahren brüskierte mich ein Film in unserer Berlinale Shorts Auswahl, der dann den Goldenen Bären gewann, TANT QU’IL NOUS RESTE DES FUSILS À POMPE. Dieses Jahr läuft ein zweiter Film des Regieduos Jonathan Vinel und Caroline Poggi in unserem Programm. Es ist sehr interessant für mich an mir selbst zu beobachten wie scharfe und fordernde Filme scharfe und oft affektive Reaktionen herausfordern. Genauso ist es mir mit Carlos Reygadas POST TENEBRAS LUX gegangen, der mich fasziniert und sehr lange zornig gemacht hat. Langsam aber kriecht der Film in den Zuschauer hinein. Wochen und monatelang gehen einem die Bilder nicht aus dem Kopf – meist wurde mit extremen Gewaltdarstellungen gearbeitet, die mich besonders brüskieren. Aber dann verwandelt sich der Film. Es treten die neuen Linien in den Vordergrund: neue scharfgewetzte Erzählweisen und auch eine neue digitale Bildästhetik. Ebenso erging es mir mit NOTRE HÉRITAGE. Hier fällt es mir einfacher zu folgen, denn in diesem Film des jungen Regieduos ist die reine Gewalt durch Sex, aber auch subtile sexuelle Gewalt, ersetzt. Beide Elemente gibt es ebenfalls in Reygadas Film von 2012, ebenso wie es auch bei Vinel/Poggi verunsichernde und magische Digitaleffekte gibt. Es ist herrlich zu sehen wie das Kino sich entwickelt. Auch in der eigenen Brust.

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Saskia Walker ist Filmemacherin, Mitherausgeberin von Revolver, Zeitschrift für Film“, sowie Mitglied des Auswahlgremiums der Berlinale Shorts.

 

 

 

 

 

 

Gedanken zu ‚Vintage Print‘

 

Vintage PrintSiegfried A. Fruhauf 2015

von Maria Morata

In seinem energiegeladenen Film hinterfragt Siegfried Fruhauf die Geschichte der Landschaftsdarstellung in ihrem medialen Pendant und erforscht dabei die Grenzen zwischen Fotografie und Kino im analogen und digitalen Bildverfahren.

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Eine Fotografie von Ende des 19. Jahrhundert, auf der eine bukolische Flusslandschaft und damit die Natur als unberührte Wildnis präsentiert wird, dient als Vorlage für den Film. Die meditative Stimmung des Bildes ist aber kaum zu spüren. Schon ab dem ersten Filmbild werden dem fotografischen Originalabzug diverse optische, mechanische, chemische und digitale Transformationen ausgesetzt. Die Repräsentationsfunktion der Fotografie und ihre Fähigkeit die Welt wiederzugeben, werden mit ihrer medialen technischen Natur konfrontiert.

Das Ausgangsbild gehört zum beliebten Genre der Landschaftsfotografie, das sich zuerst an der Landschaftsmalerei orientierte, um sehr bald zu einer eigenen Bildsprache zu finden. Die Debatte über das Realismus in der Kunst wurde mit der Erfindung der Fotografie reaktiviert, da sie den ultimativen Mimesis-Prozess darstellt, um die Realität durch technische Verfahren sichtbar, messbar und vielleicht auch greifbarer und verständlicher zu machen. Die angeblich treue Abbildung der phänomenologischen Welt durch die Fotografie setze ein Zeichen der Dominanz des Menschen über die Natur. Ihre fast naturwissenschaftlichen Realitätsnähe, entspricht dem damaligen positivistischen Zeitgeist sowie dem unerschütterlichen Glauben an Technologie und Fortschritt, der die Gesellschaft, das Denken und die Kunst bis heute beschäftigt und prägt.

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Der Film setzt sich mit der Authentizität der fotografischen Aufnahme auseinander. Die Unschuld und Reinheit des Originalabzugs kollidieren mit dem gegenwärtigen digitalen Kontext, der die Autorität der Fotografie und des medialen Bildes im weitesten Sinne, als Welt- und Realitätsdarstellungswerkzeug, längst in Frage gestellt hat.

Vintage Print setzt den Zoom als grundlegende visuelle Strategie beim Abfilmen des fotografischen Abzugs ein. Seine im Film minimale aber kontinuierliche Anwendung durch millimetergenaue Vor- und Rückwärtsmanipulationen der Objektivlinse übersetzten allmählich die heitere Landschaft in pulsierende Bewegung und offenbaren dabei die optischen und mechanischen Verfahren des Zooms. Das Zentrum des Bildes, das dank der Zentralperspektive der Camera Obscura das Auge mit dem Fluchtpunkt verbindet sollte, verliert ihre Hauptrolle. Jetzt sind es die Bilderkanten, die Grenzen des Bildes, die das Auge mobilisieren. Dadurch wird die kulturell vermittelte Wahrnehmungshierarchie umgekehrt und eine eigene dynamische Dialektik zwischen Zentrum und Peripherie des Bildes im Film entsteht.

Auch die Illusion der Dreidimensionalität der Leinwand wird im Film erforscht werde. Dank der Trägheit der Netzhaut, wird die Illusion der Tiefe und der Bewegung in der herkömmliche Kinovorführung erzeugt. Die tatsächliche Flachheit der Projektionsfläche wird dann verborgen. In Vintage Print wird die Kinoleinwand ihre Fähigkeit zu Dreidimensionalität anders beweisen, indem sie durch den optischen Reiz des flickenden Bildes energetisiert wird. Sie wölbt und wellt sich, begibt sich nach vorn bis zum kollektiven und individuellen Zuschauer. Die Auge-Gehirn-Körper-Triade wird aktiviert, Raum und Bewegung des Kinobilds werden physisch erfahrbar.

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Im Laufe des Films kommen andere Manipulationen des Bildes zur Zoom-Oszillation hinzu. Eine komplexe Kombinatorik von symmetrische Spieglungen in der vertikalen Achse, Alternierungen von positiv und negativ, von Schwarz-Weiß und Farbe, Kontrastveränderungen, Solarisation weist auf die chemische Natur der analogen Fotografie hin. Ein Abstraktionsprozess anhand des in der Natur erkennbaren Motivs wird ins Leben gerufen.

Allmählich wird die mechanische Bewegung des Zooms durch eine sehr schnelle, thaumatropische  Alternierung des Bildes, das verschiedenen chemischen Verfallsetappen ausgesetzt ist. Der Film durchdringt die silberkörnige Emulsion der Fotografie und offenbart die Materialität des fotografischen und kinematographischen Bildes gleichzeitig. Die Mikropartikel der optischen, chemischen und digitalen Manipulationen des Bildes weiten den Blick in ein makroskopisches Universum, in dem Sterne,  Himmelskörper und Mondkrater fast erkennbar werden.

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Die Tonspur fügt den Bildern eine weitere Ebene hinzu und übernimmt eine, wenn auch lose, narrative Funktion. Synthetische, grillenartige Geräusche lassen wieder an die Grenze zwischen Natur und Kultur denken und menschliche Stimmen oder Maschinenklänge (Zug, Helikopter) suggerieren eine dramaturgische Liaison mit der Geschichte der dargestellten Landschaft. Eine Art heterotopische Akkumulation des Ortes, die als ein auditives Porträt des Zeitraums zwischen dem Aufnahmezeitpunkt der Original-Fotografie und ihrer zeitgenössischen kinematografischen Version gelesen werden könnte.

Fruhauf kreiert ein kinematographisches Artefakt, in dem eine ständige und sichtbare Remediation stattfindet: von Fotografie zu Film zu digitalen Daten. Eine metafilmische Reflexion über die Repräsentationsfähigkeit und die Materialität des Bildes und über die transformative und interpretative Energie des Kinos.

 

 

Von der Skulptur im öffentlichen, wirklich öffentlichen Raum

symbolic_threats01Im Sommer 2014 hissen Wermke/ Henke / Leinkauf  die weißen Fahnen auf der Brooklyn Bridge. Viel Vorarbeit und Recherche, ohne Frage. Viel körperliche Ertüchtigung ist notwendig, um den Akt als solchen, leichtfüßig zu bewältigen, um die Eleganz des Bildes, das singuläre Moment eben nicht mit der passierten Vorarbeit zu belasten. Dann wehen diese Fahnen, Nachbildungen der US amerikanischen Flaggen aber in Weiß über der Brücke und wenn zum Ende die Totale, die Brücke in Gänze und im städtischen Kontext zeigt, dann offenbart sich eine bemerkenswerte Ruhe in aller Emsigkeit: dann sind die weißen Flaggen in Stoff gebundene Utopie. Anarchie. Wider die Angst. In SYMBOLIC THREATS, anders als in anderen Arbeiten des Duos Wermke /Leinkauf  verschwinden die Künstler ganz hinter der weißen Flagge.

Still2_BadAtDancingUmgekehrt proportional zu BAD AT DANCING, dem Gewinner des Silbernen Bären 2015. Die Regisseurin und Protagonistin Joanna Arnow setzt sich selber der Fragestellung aus schlägt so eine Brücke zwischen Bildender Kunst, Performance Art und Film. Arnow fiktionalisiert ihre Protagonistin. Diese möchte Teil der Beziehung ihrer Mitbewohnerin und deren Partner sein. Arnow scheut sich nicht, permanent deren Nähe zu suchen, vor allem und gerade, wenn die beiden Sex haben oder andere intime Momente miteinander teilen. Dadurch, dass der sexuelle Akt öffentlich wird und sich Arnow wie das Negativ verhält, wird der Film selber zum Körper, BAD AT DANCING zur Skulptur.

BLACK LIVES MATTER!

SOUNDSIGNS  OF THE TIMES! PLAY IT LOUD, PLAY IT PROUD!

FRANCE GALL: ELLA, ELLE L´A

ARETHA  FRANKLIN: ALMIGHTY FIRE (WOMAN OF THE FUTURE) LIVE-CANADA/PEOPLE GET READY

BOB & MARCIA: YOUNG, GIFTED AND BLACK

NINA SIMONE: MISSISSIPPI GODDAM/BALTIMORE/STRANGE FRUIT

JOHN COLTRANE: A LOVE SUPREME

BILLIE HOLIDAY: STRANGE FRUIT

PATTI LABELLE: OH, PEOPLE

PATTI LABELLE & ASHANTI: NEW ATTITUDE

MARVIN GAYE: WHAT`S GOING ON (DAS GANZE ALBUM)

SLY AND THE FAMILIY STONE: THERE`S A RIOT GOING ON (DAS GANZE ALBUM)

JIMI HENDRIX: ALL ALONG THE WATCHTOWER

MILES DAVIS: KIND OF BLUE

ERIC BURDON AND THE ANIMALS: NEW YORK 1963, AMERICA 1968

BOB MARLEY AND THE WAILERS: NATURAL MYSTIC

I FEEL IT! I FEEL IT, BLACK PEOPLE. I HAVE A DREAM – BETTER MUST COME.

THE SOLOMONIC DYNASTY. LOOK! SOLOMON GRUNDY WAS BORN ON A MONDAY, ENSLAVED ON A TUESDAY, WHIPPED ON A WEDNESDAY, SPAT ON ON A THURRSDAY,

BEATEN ON A FRIDAY, RAPED ON A SATURDAY, DIED ON A SUNDAY. YOU WERE GIVEN LOVE AND YOU BLEW IT. THE COON LEARNED ITS LESSEON WELL. THIS IS THE TRUE PROTESTANT WAY OF DEATH: HATE YOUR NEIGHBOUR. MAN AH WARRIOR. ODIOUS IN ODEONS. HIP IN KNOTTY NITERIES. HE LEARNT IT WELL. SULLEN AND BITTER AND ULTRAVIOLENT. POWIS SQUARE BROODS UNTIL RECKLESS, THE WICKED CANNOT PROSPER AND YOU CAN´T GO TO ZION WITH A CARNAL MIND.

THERE ARE FOUR ANGELS STANDING ON FOUR CORNERS OF THE EARTH. LOOK BROTHERS AND SISTERS – ALL OUR OWN WORK. BLOOD, FIRE AND DEATH TO ALL THE OPPRESSORS BE THEY WHITE OR BLACK. WE BLEW IT GOOD. WE BLEW IT REALLY GOOD. THEN REGGAE. BEAT OUT THOSE RASTA RHYTHMS. MAKE THE ACTION BEGIN.

(PATTI SMITH – LINER NOTES ZUM REGGAE-ALBUM MAN A WARRIOR VON TAPPER ZUCKIE)

ROBERT MAPPLETHORPES (BIS VOR IHM WEITGEHEND TABUISIERTE) DARSTELLUNG MÄNNLICHER SCHWARZER KÖRPER UND IHRER SEXUALITÄT – NATÜRLICH IN DEN USA EIN SCHOCK, DA SIE (AUS HISTORISCHEN GRÜNDEN) DEN MÄNNLICHEN SCHWARZEN KÖRPER IMMER DÄMONISIERTEN UND ALS BEDROHUNG EMPFANDEN – DENNOCH GAB ES BEISPIELE, IN DENEN SCHWARZE DIE FOTOGRAFISCHE  DARSTELLUNGSHOHEIT SELBST ÜBERNAHMEN (SEYDOU KEITA  IN MALI IN DEN 1940ER- UND 1950ER JAHREN UND RICHARD SAMUEL ROBERTS IN SOUTH CAROLINA IN DEN 1920ER- UND 1930ER JAHREN – DAS AKTUELLSTE BEISPIEL IST DIE SÜDAFRIKANERIN ZANELE MUHOLI, DIE DIE QUEERE COMMUNITY FOTOGRAFIERT).

DAS BEDEUTENDSTE FILMISCHE DOKUMENT ZU RASSE, KLASSE UND SEXUALITÄT

WAR 1967 DIE DOKUMENTATION  PORTRAIT OF JASON VON SHIRLEY CLARKE – EIN MEILENSTEIN DES NEW AMERICAN CINEMA. IN DER LANGEN TRADITION DES GESTÄNDNIS- UND BRIEFROMANGENRES STEHT AUCH RELUCTANTLY QUEER – ES IST SCHON BEMERKENSWERT, DASS SICH SCWULE, WENN SIE IHR COMING-OUT ERPROBEN, SICH IN DER MEHRZAHL AN FRAUEN (DIE MUTTER, EINE GUTE FREUNDIN) WENDEN – SO AUCH DIESER JUNGE GHANESE, DER DEN BRIEF AN DIE MUTTER IN GHANA ALLERDINGS ZÖGERND IN DER AMBIVALENTEN SCHWEBE ZWISCHEN VERBERGEN UND ANDEUTEN UND ENTHÜLLEN HÄLT – THEMA IST DABEI AUCH DER CLASH DER KULTUREN, DIE MIGRATION DER SYSTEME, IDENTITÄT UND TRANSFORMATION – NICHT ZU VERGESSEN AUCH DAS IMPERIALISTISCHE, RASSISTISCHE, HOMOPHOBE, KAPITALISTISCHE, WEISSE PATRIARCHAT – UND ALL DAS IN VON DRÄNGENDER (SOHNES)LIEBE UND SEHNSUCHT UND VERLANGEN ERFÜLLTEN 8 MINUTEN.

Gedanken von Egbert Hörmann zu ‚Reluctantly Queer‘ (Akosua Adoma Owusu)

WILLKOMMEN

Die Berlinale Shorts 2016 bilden miteinander einen Körper, einen Filmessay. Über den einzelnen Film hinaus geben sie einem größeren Bestreben Raum: der Sehnsucht zu landen. Manche kommen zurück, andere werden nie ankommen. Ausgehend von einem Bild des Fotografen Juan Medina inszeniert der Regisseur Ronny Trocker die Ankunft des Flüchtlings am Strand von Spanien. Die Erinnerung an den Krieg bleibt, tief aus der Erinnerung dringen Bilder in ein Jetzt- einer Fata Morgana gleich tauchen sie auf, verschwinden wieder, überlagern sich. Christine Rebet zeichnet die Psyche. Wie werden die unterschiedlichen Zeitebenen abgebildet? Celluloid wird eingesetzt, war gestern und verweist direkt auf den Vertreter einer nostalgischen Haltung. Heute wird durch den sukzessiven Bildaufbau im Zeilensprungverfahren das Rückwärts generiert. Wie wird das Morgen aussehen, wenn durch immer verbesserte Verfahren keine Fehler im digitalen Bild mehr sichtbar sind- wie wird die Zeitmaschine 2020 aussehen? Es bleibt spannend. Wir freuen uns auf Sie!

DAS ANDERE KINO oder vom Punkt zum Fisch

Im Frühling 1968 treffen sich die Filmemacher Hellmut Costard und Thomas Struck, um beim gemeinsamen Spaziergang durch Hamburg dem Punkt zu folgen, den sie ins 16mm Material belichtet haben. Niemand sieht ihn, nur die Männer wissen, laut Stoppuhr, dass er jetzt da sein müßte- manchmal verpassen sie ihn, dann wieder sitzt er den Frauen zwischen den Beinen- ansonsten sitzt da nur noch Moldy Allen bei FREUD UND FRIENDS von Gabriel Abrantes. Aus dem Punkt wird gegen Ende des Films die Heilige Maria, dann ein Engel. Struck und Costard sind Mitglieder der Hamburger Filmmacher Coop, die sich 1968 in Hamburg gegründet hat, mit dem Ziel Filme des Anderen Kinos zu produzieren und zu verleihen. Mit ihrem Film gewinnen sie den ersten Preis bei der ersten Hamburger Filmschau 1968. Grundstein einer filmischen Karriere jenseits ausgetretener Wege ist gelegt. Costard & Struck abstrahieren die Imagination. Sie suchen den Punkt mit einem Schalk im Nacken, der jenseits einer Distanz zum Sujet liegt. Die Vermutung liegt nahe, dass sie gut gekifft haben, bevor sie losgezogen sind. Später beziehen sich Monty Python in MEANING OF LIFE (1983) auf das Schlüsselwerk des Anderen Kinos: In der Mitte des Films suchen sie nach dem Sinn des Lebens, symbolisiert durch den Fisch. Vorher wie nachher ein Rauschen.

 

DER WARME PUNKT from Tommy Struck on Vimeo.

 

Art is an indispensable soft power

 

Katerina Gregos is a curator, writer, lecturer and member of this year’s International Short Film Jury. Before starting to select this year’s winning short films, she was able to give us insight into her personal connection to our meta topic, talks about her focus and the relation of art and curation.

Carlotta Löffelholz: Meta topic of Berlinale Shorts 2016 is ‚Arrival‘. You are from Greece, live in Belgium, work all over the world. The German word for home means more than the actual place; it is rather a concept of arriving, being rooted, feeling secure.What does home mean to you? How would you relate to this concept, especially in times like these?

Katerina Gregos: Home is one of those concepts that is both personal and political. In the first place home is where one feels comfortable, content, secure, at ease, in one’s element, and sheltered. In the political sense, I understand home as a place, a topos, where one can be free, have one’s rights guaranteed, be free from persecution and fear, have opportunities, and see the possibility of a horizon, in the metaphorical sense. Given what is happening right now with the dramatic refugee crisis in Europe, this latter issue has become even more critical. In Greece, for example, the fact that the debt crisis has engendered a humanitarian crisis, and the fact that more than 50% of young people are unemployed means a complete lack of horizon, of opportunities, of a future. Home then, in this case, begins to take on a hostile and antagonistic character. As far as I am concerned, home also has to do with emotional roots, human ties. And in that sense, one can feel at home in more than one location. In my case, Greece is home, but so is Belgium. I also feel at home in London, where I have lived for more than 10 years.  So one can feel that one has more than one home, though the primary home is perhaps that place which fulfills most of ones aspirations. The idea of home is also connected with social but also economic conditions. It is a truism that people who have migrated, like myself are never entirely at home in their own country, nor where they have chosen to migrate to.

CL: What is your personal arrival? Constant movement or safe haven?

KG: Both. One always acts as a counterbalance to the other.

Katerina_Gregos_Credit_David_Plas

CL: As a curator you choose a focus, your former projects often connected art and politics. Your exhibitions take a view, and this is also what we are looking for in our films. Even though this is probably a huge question: How does art reflect on politics? How can art influence politics?

KG: As a curator whose practice focuses on exhibitions of a socio-political slant, I find it difficult to see art as something that is not connected to society and its problematics, as well as the times we are living in. I think of the artistic practice (in the wider sense) as one of the last bastions of free expression in a world that is becoming increasingly susceptible to control, surveillance, political correctness, conservatism, consensual opinions, and self-censorship. In that sense art has an enormous role to play. The most interesting ways that art reflects on politics is  where it encourages critical thinking, uncovers issues that are swept under the carpet,  challenges hegemonies of different sorts, raises awareness of marginalized narratives and engages in a correctional methodology of the writing of history; the latter is more-often-than-not propagated in the forms of  master narratives that suit state, corporate, financial or media structures. Personally, I am interested in artists who are able to process these issues in a way that transcends the literal re-presentation of reality as we know it, but instead does so through artistic forms of mediation, interpretation, translation, and projection which harness the imagination, poetics, and open up new ways of understanding complex questions. Very often I am asked whether art can change the world. This is a very sweeping question and I would be hard pressed to say that it does. However, what art does is challenge givens and change the way we think about the world. And in that sense it is an indispensable soft power.

Curation cannot exist without art.

CL: Eventhough the Berlinale Shorts films are rated individually, our curator Maike Mia Höhne thinks of the short film programme as “one body of work”. What do you think of the relation of the individual piece of art and the curation process as a form of art itself?

KG: We should not confuse art with curating and vice versa. Though curating can be creative, I do not consider it art, but rather a form of mediation, elucidation, interpretation. Art comes first and foremost before curating. We should not forget that, especially at a time where the role of the curator has sometimes become too authorial and at times even overshadow that’s of the artist. Curation cannot exist without art.

CL: How do you bring the focus from your work onto evaluating short films? What role does the medium play? How do you access different art forms?

KG: Art today is an expanded field of artistic and creative activities, ranging from drawing, painting and sculpting to performance, photography, film and video, as well as to the more conceptual forms. Art and its influences filter through to most aspects of society, from graphic design to product development, from fashion and design to television, advertising and movies. Art, in fact, has an all-encompassing influence on society, be it in form or content. For me it is all interconnected and I use my expertise in cross-referencing between different art forms, and the issues I have worked with, as well as my experience in curating the moving image, in in order to evaluate what I see.

CL: In a former interview you said „Working with artists is what fuels my own sense of creativity” – could you call film festivals and art fairs a pool of inspiration – or is this idea too optimistic and one-sided? Or just briefly, what do these big events mean for the public?

KG: Yes, all these are pools of inspiration and creativity since artistic praxis lies at their root. Film festivals and the like in general attract large audiences and a wide interest, largely because they speak a language the public can identify with: that of the moving image, which has been so ingrained in our culture for decades. It is hard to say what the individual visitor will think of events like this, or what they take home with them, but the increasing public interest in this kind of manifestations gives evidence to the hypothesis that art and film (or culture in general) has something valuable to offer that cannot be easily found elsewhere.

 

 

 

„Corners of Reality“

The 66th Berlinale is approaching – time for a closer look on who will be awarding this year’s short film prices: Avi Mograbi, filmmaker from Israel and part of our International Short Film Jury, talks about his personal and professional background, motivation and his new film Bein gderot (Between Fences), shown at Berlinale Forum this year.

Carlotta Löffelholz: Your films always have a political motivation, how is your relation to non-political films? Are there non-political films?

Avi Mograbi: I have no problem with films that are not political or are not necessarily reflecting on the political, if they are good films, if they are interesting and leave a mark on me, I will be happy to watch. I don’t like films that are superficial and leave no mark on me. Maybe all films are political, but everything we do or say is political. I make my films and they are indeed political or deal with politics.

CL: I would like to know how you started making films. You studied art, what made you choose film as a medium to express yourself?

AM: It was not clear that I was going to make films. I was born to a cinematic family; my father had one of the biggest cinemas in Tel Aviv, the Mograbi Cinema. When I was a teenager I did want to become a filmmaker, probably a very different one as I turned out to be. Then I went to study Art and eventually realized that I maybe was not going to be an artist. I started dreaming of making films again, and when I did start to make films they turned out indeed very differently from what I dreamt of when I was a teenager.

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Mograbi Cinema – Tel Aviv

CL: In your films, you tend not to care too much about taboos. Where is the limit? Or how do you know how far you can go? Have you ever experienced censorship?

AM: I am not sure if my films really deal with taboos.  I think my films deal more with responsibilities. I make films about issues to call on people to take responsibilities for what they are doing or what is done in their name. In order to take responsibility one has to acknowledge what is going on or what has happened. My films try to provide certain acknowledgement concerning our identity and history, meaning Israel’s identity and history. I’ve experienced very few instances of censorship. I think worse than censorship is when the public ignores your work and this is something I have experienced more, especially in Israel. Censorship makes you feel that you are doing something right, touching a nerve, but when you are ignored, well…

CL: How do you distribute your films? On your website, you offer to rent or download your films and even publish some films publicly available, what is your intention?

AM: My films go through normal distribution channels, cinema, TV broadcast, DVD release, and I make them available for download on my website. Through that I’m trying to reach audiences who missed my films on TV or cinema or the films have not reached their territory or are not aware of their existence. But reaching wide audiences via Internet is a full time job and I’m not very good at it.

CL: How do you show your films in Israel? Are there cinemas screening them?

AM: My films are normally broadcasted in Israel on a tiny documentary cable channel (Channel 8) and they do selected cinema take screenings, but none of my films was ever commercially released in Israel so it’s a very modest distribution in Israel.

CL: Your new film Between Fences has been selected for Berlinale Forum this year, I haven’t had the opportunity to watch it, but as far as I’m concerned it deals with another medium to build cultural bridges: theatre. How did you experience the interaction of film and theatre?

AM: Chen Alon and I started a theater workshop with asylum seekers in an open, open in brackets, detention center in the desert where the asylum seekers are summoned in order to put pressure on them to leave Israel and go back to their countries where they face death, genocide and imprisonment. So first and foremost we started this workshop as a kind of activist activity. Chen is very experienced in working with non-actors in the method founded by Augusto Boal, the Brazilian theater director and legislator. The method is called “Theater of the Oppressed”. Personally, I am not so crazy about theater but I wanted to work with asylum seekers and hear their stories and see how they reflect on us, the Jewish and Israeli ethnos. So eventually what happened was that Chen made a play out of it which is running now in different French theaters in Israel and I made a film out of making of the making of the play. By either medium we tried to capture what the asylum seekers have to tell us about the reality they have to face and our role within this reality.

CL: You deal with topics that have always been relevant to humanity and currently are in the center of attention again, how do you approach such big themes as refuge, war and identity?

AM: The truth is I don’t deal with big things as a starting point, I approach corners in my reality that I think need a little more light shed on, and in retrospect some of these stories encapsulate within bigger themes, but this is not what I’m looking for, this is not how I start a project. In my new film Between Fences, the starting point was a feeling of surprise of estrangement to the fact that asylum seekers are not welcome in Israel – a state that was founded to provide shelter to asylum seekers after World War II. I felt it was strange that people who fled atrocities in the past cannot empathize with people who are fleeing atrocities in the present.

CL: Do you have a dream?

AM: Oh yes, I do have a dream, I dream that we all dance together and drink and eat and love each other and care for each other and dream that it’s all true.

 

 

berlinale shorts 2016 – ein filmischer essay

25 Filme aus 21 Ländern konkurrieren um den Goldenen und den Silbernen Bären, die Nominierung für den European Film Award und den in diesem Jahr zum zweiten Mal ausgelobten Audi Short Film Award, der mit 20.000 € dotiert ist. Hinzu kommt der Film Los murmullos von 1976, der außer Konkurrenz läuft. Die Kurzfilmjury 2016 bilden die Kuratorin und Direktorin der Sharjah Biennale aus den Vereinigten Arabischen Emiraten Sheikha Hoor Al-Qasimi, die griechische Kuratorin und Autorin Katerina Gregos und der israelische Filmemacher Avi Mograbi.

Im Wettbewerb der Berlinale Shorts werden unter anderem Filme von Gabriel Abrantes, Pimpaka Towira, Réka Bucsi, Ben Russell, Mahdi Fleifel, Christoph Girardet & Matthias Müller und Siegfried A. Fruhauf zu sehen sein.

Dang Tuan Anh, Vu Do Quang Minh, Khong Viet Bach, Hoang Ha, Nguyen Bui Khanh Trung und Vu Duc Hanh inAnother City von Pham Ngoc Lan

„Die Berlinale Shorts 2016 bilden miteinander einen Körper, einen Filmessay – weit über den einzelnen Film hinaus geben sie einem größeren Bestreben Raum: Die Sehnsucht nach dem Ankommen spiegelt sich in vielen der ausgewählten Filme wider – egal aus welchem Teil der Welt sie kommen. Alle wollen ankommen“, kommentiert Kuratorin Maike Mia Höhne die Auswahl. Schon im Titel trägt es der neue Dokumentarfilm von Mahdi Fleifel A Man Returned – sein Protagonist ist nach drei Jahren in Griechenland zurück im palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon und bereitet, unbeirrt von Drogen und Kriegshandlungen, seine Hochzeit vor. Jonathan Vinel in Kollaboration mit Caroline Poggi, das Gewinnerduo des Goldenen Bären für den Besten Kurzfilm 2014, kreiert in Notre Héritageeinen neuen filmischen Look: Sie verbinden pornografische Archivbilder von Pierre Woodman mit der Ästhetik der Computerspiele und lassen so die alte Geschichte von der Suche des Sohnes nach dem Vater in neuem Licht erscheinen. In Portugal werden Frösche aus Ton in den Läden aufgestellt, um zu verhindern, dass Roma hineinkommen. Die Regisseurin Leonor Teles findet in Balada de um Batráquio einen Weg, in die Läden zu kommen.
Das bekannteste deutsche Experimentalfilmduo Matthias Müller und Christoph Girardet präsentiert mit personne seinen neuesten Film im Wettbewerb. personne ist der Einzelne auf der Suche nach sich selbst, im Spiegel des europäischen und amerikanischen Erzählkinos.

Los murmullos von Rubén Gámez aus dem Jahr 1976 ist eine Zäsur im Neuen Lateinamerikanischen Kino. Anders als seine Kollegen, die mit ihrem „dritten Kino“ die Gesellschaft spiegeln und direkt verändern wollten, lässt Rubén Gámez seine Protagonisten offen sprechen und montiert einen sehr ruhigen Film über die Verhältnisse der Arbeiter und Bauern, der mit Blick auf die derzeitigen TTIP-Verhandlungen eine beunruhigende Aktualität hat. Aktuell auch das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung: In Reluctantly Queer von Akosua Adoma Owusu schreibt der Protagonist seiner Mutter einen Brief nach Ghana.

Filme der Berlinale Shorts 2016:

Another City, Pham Ngoc Lan, Vietnam, 25’ (WP)
Bai Niao (Weißer Vogel), Wu Linfeng, Volksrepublik China, 30’ (WP)
Balada de um Batráquio (Ballade der Batrachia), Leonor Teles, Portugal, 11’ (WP)
El Buzo (Der Taucher), Esteban Arrangoiz, Mexiko, 16’ (IP)
Das águas que passam (Vorbeifließende Wasser), Diego Zon, Brasilien, 23’ (WP)
Estate (Sommer), Ronny Trocker, Frankreich / Belgien, 7’ (WP)
Freud und Friends, Gabriel Abrantes, Portugal, 23’ (EP)
He Who Eats Children, Ben Russell, USA, 25’ (WP)
Hopptornet (Zehn-Meter-Turm), Axel Danielson & Maximilien Van Aertryck, Schweden, 17’ (IP)
In the Soldier’s Head, Christine Rebet, USA / Frankreich, 4’ (WP)
Jin zhi xia mao (Ankern verboten), Chiang Wei Liang, Taiwan, 16’ (IP)
Kaputt, Volker Schlecht & Alexander Lahl, Deutschland, 7’ (WP)
Love, Réka Bucsi, Frankreich / Ungarn, 14’ (WP)
A Man Returned (Ein Mann kehrt zurück), Mahdi Fleifel, Großbritannien / Niederlande / Dänemark, 30’ (IP)
Moms On Fire, Joanna Rytel, Schweden, 12’ (IP)
Los murmullos (Gemurmel), Rubén Gámez, Mexiko, 25’ – Außer Konkurrenz
Notre Héritage (Unser Vermächtnis), Jonathan Vinel in Zusammenarbeit mit Caroline Poggi, Frankreich, 24’ (WP)
Oustaz, Bentley Brown, Tschad, 21’ (WP)
personne, Christoph Girardet & Matthias Müller, Deutschland, 15’ (WP)
Prelude to the General, Pimpaka Towira, Thailand, 11’ (WP)
Reluctantly Queer, Akosua Adoma Owusu, Ghana / USA, 8’ (WP)
Six Cents in the Pocket (Sechs Cent in der Tasche), Ricky D’Ambrose, USA, 14’ (IP)
Tsomet Haruhot (Die Windeskreuzung), Rotem Murat, Israel, 22’ (IP)
Die Unzugänglichkeit der griechischen Antike und ihre Folgen, Gerrit Frohne-Brinkmann & Paul Spengemann, Deutschland, 13’ (WP)
Vintage Print, Siegfried A. Fruhauf, Österreich, 13’ (IP)
Vita Lakamaya, Akihito Izuhara, Japan, 8’ (WP)

Aufhebung aller Grenzen

Interview mit Maike Mia Höhne, Kuratorin der Berlinale Shorts, Berlin

2016_maike_hoehne_credit_simone_scardovelli©Simone Scardovelli

von Susanne Lettner

Susanne Lettner: Sie sind seit Sommer 2007 Kuratorin der Berlinale Kurzfilmsektion Shorts. Die Spielregeln sind, dass die Filme nicht länger als 30 Minuten sein dürfen.

Maike Mia Höhne: Kurz ist relativ, Sie sagten es schon – wir zeigen Filme bis 30 Minuten. Auch da besteht ein gewisser Spielraum – bei anderen Festivals geht Kurz bis 45 Minuten, manchmal bis zu 60 Minuten. Die Filme sind unterschiedlich – Dokumentarfilme, essayistische Filme, Spielfilme, dokumentarische Experimentalfilme, experimentelle Domfilme, animierte Experimentalfilme, klassische Animation und natürlich die Königsklasse, der Spielfilm. Verschiedenste, sehr konzentrierte, dichte Einblick in die Wirklichkeit. Die Filme, die wir dann zeigen, müssen Weltpremieren oder Internationale Premieren sein, manchmal gibt es Ausnahmen – aber es geht auf jeden Fall um das Erste Mal!

Susanne Lettner: Das Genre ist offen, zugelassen sind Spiel-, Dokumentar-, Experimental- und Animationsfilme. Sind generelle Themen und Strömungen in den letzten Jahren zu erkennen?

Maike Mia Höhne: Tendenzen, die in vielen der eingereichten Filme zu beobachten waren, war der Umgang mit Tieren. Tiere eingesetzt als surrendes Moment – Sie müssen sich das so vorstellen: Sie frühstücken und auf einmal kommt ein Elch vorbei, schaut und geht weiter. Oder eben der Film, der es 2014 in den Wettbewerb geschafft hat und es auf die Spitze treibt – die ungarische Animation Symphony no. 42 der Künstlerin Réka Bucsi – eine einzige Anthropomorphisierung der Tierwelt – tolles Wort finde ich, eine einzige Vermenschlichung der Tiere. Ihnen Regungen und Aktionen zu zuschreiben, die sonst dem Menschen überlassen sind. Eine Art moderne Zauberflöte – ein Ausflug in eine andere Welt, die sogleich Spiegel unserer Verhältnisse ist.

Symphony no. 42 – Extract from Reka Bucsi on Vimeo.

Ein anderer Trend ist nicht der Rückzug ins Material, sondern der ganz bewusste Umgang mit dem Filmmaterial. Die Filme werden auf 16mm gedreht, auf 35mm. Wenn es in den 1990er Jahren jedes Material eine dahinter liegende Haltung offenbarte, also die Arbeit mit Super8 einen Independent Filme ausmachte, 16mm engagierte Dokumentarfilmer ausmachte und 35mm dem Spielfilm vorbehalten war, so ist durch die Digitalisierung und das Drehen in digitalen Formanten nun erneut die Chance eine ganz andere Reflexion über die Verwendung von Filmmaterial zu transportieren. Filmmaterial hat neben einer Sinnlichkeit, einer konkreten Wirklichkeit – wenn man Film im Kino schaut, empfinde ich das subjektiv als sehr viel angenehmer für die Augen, weil es eine Bewegung gibt, die es in der Digitalen Projektion nicht gibt – eine Happig, die einfach Freude macht. Und Filmarbeiten kann ja auch einfach mal Spaß machen. Alleine das Einlegen des Materials. Ich liebe Film und Filmmaterial und freue mich deswegen besonders, dass sich dieser Trend niederschlägt in der Auswahl.

Susanne Lettner: Wieso ist es Ihrer Meinung nach wichtig, gerade auch eine eigene Kategorie Kurzfilm auf der Berlinale zu präsentieren?

Maike Mia Höhne: Die Bedeutung der kurzen Form für den Kunstmarkt, für die Etablierung im Markt überhaupt ist ungenommen – deswegen war es uns so wichtig, diesem Streben nach Autonomie der Form Ausdruck zu verleihen in der Etablierung einer eigenen Sektion. Der Wettbewerb für den besten kurzen Film ist bereits über 60 Jahre alt. Die Berlinale ist somit in Deutschland das Festival, das am längsten einen Preis, zudem einen so wichtigen, an einen Film der kurzen Form verleiht, sich also über die Bedeutung derselben von Anbeginn im Klaren ist. Lange Jahre war der Wettbewerb der Kurzfilme zusammen mit dem Langspielfilmwettbewerb verknüpft, was sich bis heute darin ausdrückt, dass die Bären für Lang und Kurz gemeinsam vergeben werden. Im Internationalen Forum Des Jungen Films wurden schon Anfang der 1970er Jahre die Filme der Avantgarde Szene aus New York gezeigt, im Panorama gab es über die Jahre einen festen Bestand von kurzen Filmen – einer der Höhepunkte des Festivals ist bis heute die Teddyrolle im Kino International am letzten Sonntag des Festivals – in der alle Filme mit queerem Inhalt einem sehr interessierten, engagiertem Publikum präsentiert werden. Grundsätzlich ist eine Orientierung für den Zuschauer wichtig in einem so großen Festival wie der Berlinale – deswegen auch das historisch gewachsene Verteilen auf Sektionen. Aber wir könnten es natürlich auch mal ganz anders denken. Aufhebung aller Grenzen. Aufhebung der historischen Entwicklungen in ein Neues, in ein Ganzes. Das würde vieles an Umdenken bedeuten – ich erlebe es so, dass viele unserer Zuschauer ja bereits ohne Grenzen schauen. Sie schauen einfach nach, wann habe ich Zeit und gehen ins Kino. In welcher Sektion der Film läuft ist sekundär. Wichtiger ist oft – wo eigentlich. Also zum Beispiel im Eiszeit Kino am Freitag, ah, da haben wir Zeit, komm, das ist bei uns um die Ecke und dann, plumps, sitzt man abends in einem Programm mit Kurzfilmen. Für die Industrie, die Presse sind die Sektionen eine Hilfe, mehr noch, eine Verabredung. Weil es trotz weiterhin in verschiedenen Sektionen die kurze Form gibt, bringen wir eine Broschüre heraus, die es dem Zuschauer ermöglicht einfach und strukturiert einen Überblick über den Wettbewerb und die anderen kurzen Filme im Festival zu gewinnen.

Susanne Lettner: Gibt es einen Kurzfilm oder mehrere der Berlinale, die Sie besonders angesprochen haben?

Maike Mia Höhne: Ich mag sie alle. Alle alle alle!

MEDIAMANIA Berlinale Shorts 2015

Radio Show Radio1 „Die Kurze Form des Films“

Architektura

Ulu Braun on Architektura

Bad at Dancing

Joanna Arnow on Bad at Dancing

Blood Below the Skin

Jennifer Reeder on Blood Below the Skin

Short talk with Jennifer Reeder

Däwit

David Jansen and Fabian Driehorst on Däwit

El Juego del Escondite

Short talk with David Munoz

Lama?

Nadav Lapid on Lama?

Lembusura

The Mad Half Hour

MAR DE FOGO

Joel Pizzini on MAR DE FOGO (in Portuguese)

PLANET Ʃ

PLANET Ʃ – Making-of

Momoko Seto on PLANET Ʃ 

San Cristóbal

Superior

Erin Vassilopoulos on Superior

Symbolic Threats

Radio show Deutschlandradio Symbolic Threats

Take What You Can Carry

Matt Porterfield on Take What You Can Carry

YúYú

Short talk with Marc Johnson and Anne-Marie Melster

Shorts 2015 Awards

Golden Bear: HOSANNA by Na Young-kil

Berlinale Shorts Kurzfilmwettbewerb 2015

 

Silver Bear: Bad at Dancing by Joanna Arnow

Berlinale Shorts Kurzfilmwettbewerb 2015

Audi Short Film Award: PLANET Ʃ by Momoko Seto

Berlinale Shorts Kurzfilmwettbewerb 2015

EFA Nomination: Dissonance by Till Nowak

Till Nowak ('Dissonance') receiving the EFA nomination.
Till Nowak (‚Dissonance‘) receiving the EFA nomination.

 

TEDDY Award for best shortfilm: San Cristóbal by Omar Zúñiga Hidalgo

Receiving the TEDDY AWARD: Omar Zúñiga Hidalgo (San Cristóbal)
Receiving the TEDDY AWARD: Omar Zúñiga Hidalgo (San Cristóbal)