Violence begets Violence

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curator Maike Mia Höhne and director Fernando Vílchez Rodríguez (copyright: Heinrich Völkel)

Violence begets Violence

A discussion with director Fernando Vílchez Rodríguez (Berlinale Shorts) and Maike Höhne, curator of Berlinale Shorts, about the political, social and ecological consequences of the over-exploitation of natural resources committed by the Canadian mining company Candente Copper in the Peruvian jungle.
Supported by the Peruvian government, the firm has been responsible for years for the over-exploitation of gold and other minerals in the Peruvian jungle on the border with Ecuador. Natural resources are being recklessly plundered without any consideration for the environment and the people living there. Most of the water has been polluted. The affected indigenous people have staged a massive fight-back and the region has long since come under public scrutiny. Rather than capitulating to the government’s violent measures to protect the mining company’s shareholders, the indigenous people have retaliated with countermeasures. Similar exploitation is happening in Europe: at Rosa Montania in Romania an entire mountain is being bulldozed in the search for gold.

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(Fotos/copyright: Heinrich Völkel)

Konstantina Kotzamani about her film “Washingtonia”

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Konstantina Kotzamani – set photography

The majority of palm trees in Athens were imported from other countries during the Olympic Games 2004 in order to make Athens more appealing and exotic to the olympic tourists. Among with the palm trees was imported also the Red Beetle, an insect that devours the most juicy and fleshy part of palm trees that is known as palm’s heart. Now days, in Athens the majority of palm trees are dead or keep dying because of the Red Beetle. The only kind of palm tree that survives is called Washingtonia. 

The Washingonia Palm has a very small and dry heart and nobody likes small and dry hearts. Not even the Red Beetle. 

These were the first thoughts when we started this project. My first intention was to create a strange exotic portrait of Athens abandoned from people in the summer heat with all these palm trees dying in the background. That’s why I gave this strange new name to Athens. I called Athens Washingtonia as a no-land tropical city where people are mixed with animals.

Once we started searching for the locations I had a very strong dream.

I dreamt of a giraffe trying to enter my house windows with her long neck. The next day I went to the zoo of Athens (where the giraffe’s shots have been shot). There I read that the giraffe is the animal with the biggest heart. Then I realized that my film is actually about that. About the big and the small hearts. It is actually about love. So I came up with the myth of the giraffe at the beginning and I started thinking about my washingtonian characters who suffer from their non-love-heart syndrome like the palm trees who are dying from their half eaten hearts…

I guess that the very interesting process of making this movie somehow is depicted in the structure of the film. I started with no script at all. And maybe this is the reason that I felt much more close to my vision- I had only subtle images and fragile moments to capture and not a story. Somehow image was merged with instinct in this film. I just had my eyes and my senses open in order to select and combine all the elements that come across my way. And this is how the characters came up. While I was searching for the locations I was observing also people and I was trying to think what kind of character would fit in each space. None of the characters are actors and I also did no rehearsals during shooting. All the characters are playing ”themselves” in a way.

This film was a constant improvisation from many aspects. I really had no idea how it would end. I just trusted myself and in a way I let myself free in front of the image wealth of the hidden everyday life. There is a lot of fear in that, and it is really painful sometimes not knowing what are you doing -where it is heading at all. But I understood later that this is a much more stimulative process that fits my personal way of interpreting reality. 

Konstantina Kotzamani

Egbert Hörmann (member of our Berlinale Shorts selection committee) about the film “Tant qu’il nous reste des fusils à pompe” (“As long as shotguns remain”)

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“Tant Qu’il nous reste des fusils à pompe” by Caroline Poggi and Jonathan Vinel

 

Ein kleines, ausgestorbenes Dorf  in Südfrankreich, eine direkt körperliche, hochsommerliche Stimmung wie sonst nur bei André Téchiné zum Beispiel. Tant Qu´Il Nous Reste Des Fusils À Pompe (Caroline Poggi, Jonathan Vinel) verwebt stimmungsstark Elemente des Endzeit- und Science-Fiction-Films. Hier bedrückt nicht nur die Hitze. Langeweile, Überdruss, Arbeitslosigkeit, Müßiggang, frustriertes Testosteron, Rollenverunsicherungen, Homophobie und Leerlauf können

- einfach so, wie ein acte gratuit – schnell in Gewalt kippen.

Solange sie ihre Waffen haben – aber was sind sie denn ohne ihre Waffen? Eine Studie über männliches Verhalten in Männergruppen, die keine Ursachenforschung betreibt, sondern es atmosphärisch auslotet. Das kann ein diffus bedrohliches Unbehagen verursachen. Fellinis durchaus zärtlicher I Vitelloni von 1953 ist da schon sehr fern und heute so eigentlich nicht mehr denkbar, hier sind wir doch eher bei Claire Denis, der ja auch mit Beau Travail  ziemlich abwegige Leni-Riefenstahl-Affinitäten vorgeworfen wurde. Wie hohl diese reine Fassade der Männlichkeit ist, zeigen die letzten Sekunden des Film beiläufig, aber deutlich.Diese Jungmänner wollen (vorerst) nur spielen, ja ja, ungefährlich sind sie dennoch nicht…

Egbert Hörmann

Egbert Hörmann (member of our Berlinale Shorts selection committee) about the film “Sky Lines” by Nadine Poulain

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“Sky Lines” by Nadine Poulain

 

Von der träumerischen Entschleunigung des Blicks… Wenn ein japanischer Maler ein Bild beginnt, lässt er sich stundenlang Zeit dazu. Er zerkleinert den Tuscheblock, er bindet die Pinsel neu, er bereitet das Papier vor. All das, um vielleicht nur einige schnelle Striche auszuführen. Das Ritual, die Feier der Kunst. Feier einer Kunst ohne Zwänge, grenzenlos und frei. Hier schaffen die Linien die Illusionen, aber die schwarzen (oder weißen) Flächen definieren die Linien…

Kondensstreifen – wie lässt sich deren Faszination erklären, die allen Menschen eigen ist? Es ist ein ganz besonderes Schauspiel, das Raum gestaltet und uns Raum-, Unendlichkeits- und Transzendenzempfinden schenkt, bis es sich auflöst und verschwindet. Sky Lines (Nadine Poulain) ist das filmische Äquivalent dieser himmlischen Erscheinung. Der freie Flug der Formen. Rein malerische Flächen. Die Schaffung einer neuen Ordnung.  Sky Lines erinnert mit seinen Raum- und Linienkonstruktionen an russische Avantgardekünstler wie Malewitsch, Rodtschenko und Popowa etwa (aber auch an Objekte von Brancusi)  – ein suprematistisches Filmpoem, ganz auf der Höhe der Zeit.

Egbert Hörmann

Maike Mia Höhne, Kuratorin der Berlinale Shorts: Ohne eine Vision ist Filmemachen nicht möglich. Ohne eine Vision ist Filmezeigen nicht möglich.

Berlinale Shorts Kurzfilmwettbewerb 2014

the directors of the Berlinale Shorts programme (copyright: Heinrich Völkel)

 

Es geht ja nicht von selber. Nichts geht von selber. Schuß. Gegenschuß. Gewalt erzeugt Gegengewalt. Wer, wenn nicht wir. Und so weiter. Es gibt viel zu tun, packen wir es an. Der Wettbewerb um den Goldenen Bären für den besten Kurzfilm.

Es gibt viele Gründe, Filme zu sehen. Der wohl wichtigste – eine Idee vom Anderen zu bekommen. Von einem Gegenüber, das nicht hier, aber eben dort, auf der Leinwand, eine Präsenz entwickelt – diesen berühmten Sog. Es geht um das Universum des Anderen. Einblicke in Gefühlswelten, Ideenwelten.

Wer, wenn nicht wir: Die Berlinale.

Der Ort, um Positionen zu zeigen, die Avantgarde sind. Um eine Haltung zu haben, braucht es die Lust an der Suche. Die Lust an dem unbekannten Dunklen, das vor einem liegt. Konstantina ist in Washingtonia einem Traum gefolgt. Ihr Film hat sich entwickelt, traumhaftes Sich-Versteigen. Es braucht viel Mut, um diesem Traum eine konkrete Abbildung zu geben. Hat sie getan. Der Traum von einem Herzen, das den Ton der Stadt angibt ist Realität geworden. Was ist das für eine Sehnsucht – die Sehnsucht nach einem Leitbild? Nach einer Regierung der Herzen.

Regierung. Keine Regierung. Wer regiert die Familie. Der Vater ist weg. Die Mutter gibt sich Mühe. Mehr als das. Der Sohn will Mann werden.
Regisseur Sam de Jong folgt in Marc Jacobs unaufgeregt jungen Jungs in der Vorstadt. Er untersucht ein zeitgenössisches Männerbild, das diesen jungen Jugendlichen in den Vorstädten mit den Hochhäusern immanent ist. Der Mann ist ein starker Mann. Stärke zeichnet sich durch Uniformierung aus, zeichnet sich durch ein Kopieren der Verhaltensweisen der Älteren aus. Die eine bestimmte Sonnenbrille muss es sein- Ray Ban tragen die Krieger. Marc Jacobs ist nichts für richtige Männer. Der kleine Junge will aber Marc Jacobs. Er sucht nach sich, er sucht sich in einer Vorstellung von Mann, die ihm angetragen wird. Sit Ups machen, Körper schauen, Seele pflegen? Wie? Die Realität will sich über ihn legen und er sucht nach einem Schlupfloch. Schwierig. Der Junge sitzt im Yogasitz  auf dem Balkon, als sich die Hand segnend über ihn legt. Geste. Wo bleibst du selber, innerhalb eines stark von Vorstellungen, Gesten, Aktionen bestimmten Außens.

Sam de Jong untersucht in seinen Filmen die Rolle von jungen Männern in unseren verschiedenen  Gesellschaften, Parallelgesellschaften: WE GO EUROPE INSHA’ALLAH ist ein Dokumentarfilm, über die afrikanischen und asiatischen Flüchtlingen, die in der griechischen Hafenstadt Petras im wahrsten Sinne des Wortes festhängen – an nichts mehr hängen, sich nicht bewegen können, sich verrennen – wohin? – mit aller Kraft. Mehr unter: http://samdejong.com/projects

Maike Mia Höhne

Saskia Walker (member of our Berlinale Shorts selection committee) about the film “Tant qu’il nous reste des fusils à pompe” (“As long as shotguns remain”)

Ein Jugendlicher in einem südfranzösischen Pavillon-Viertel verliert im Hochsommer seinen besten Freund durch Selbstmord. Er beschliesst sich noch um seinen eigenen Bruder zu kümmern um dann dem Freund, der ihm noch als Geist nachgeht, in den Tod zu folgen. Der Bruder, bei dem man ein Kind erwartet, ist ein zielloser gewaltbereiter Mann, der Jugendliche schafft es ihm eine neue Familie zu finden die ihn versorgt: eine militärisch organisierte Strassengang, bei denen er Anerkennung (und Sex und Tattoos) finden soll. Die Aufnahmeprozedur ist militärisch, wie das französische “bizutage” bei Studienanfängern. Der Neue wird zur Sau gemacht, dann ist er Mitglied.

Als Komödie wäre das zu ertragen, weniger als ernstgemeinter Spielfilm über gewalttätige sich langweilende junge Männer, dem bekannten Standardklischee. Wem nützt dieses simple, quasi träumerisch faschistoide Weltbild? Geht es nur um die Aufarbeitung des eigenen Kummers und der Feier, der tödlichen Langeweile von Bouloc (dem Geburtsort der einen Regiehälfte und Drehort in Midi / Pyrénees) entkommen zu sein? Ja der Film ist talentiert inszeniert, er hat einen bewussten und zielsicher eingesetzten Hang zu Pathos, gerne verstärkt durch geistliche Musik auf unerwarteten Bilder. Die Regie hat den Filmkanon studiert und zitiert frei. Die Haltung dieses von einem jungen Mann (Jonathan Vinel, 25) und einer jungen Frau (Caroline Poggi, 23) gemeinsam inszenierten Filmes erscheint mir schlicht, wie eine bittere Parodie:  Suizid ist das Ziel, Waffen sind die einzige Stütze, Gewalt ist Rausch. Hauptsache alle sind gut versorgt. Und gezielte Provokationen haben noch nie einer Karriere geschadet.

Saskia Walker

Egbert Hörmann (member of our Berlinale Shorts selection committee) about the film “Three Stones for Jean Genet”

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„It must have been hard to be a cashier in a bookstore and to be surrounded by the history of your true loves…“

(Jim Carroll, Crow)

Sie ist die erste Dichterin, die uns der Rock´n´Roll geschenkt hat. Patti Lee Smith, Kohleofenvisionärin, Factory-Girl, Hendrix-Fan-extraordinaire, Rock´n´Roll-Schamanin in der Zone des Zwielichts, die ihre sahnigen Nachmittage in den amerikanischen Bars des Universums verbringt, den elekrischblauen Linoleumfußboden mit der graueneinflössenden und mystischen Gewissheit anstarrend, dass es nichts anderes zu tun gibt, als von jenen wild boys zu träumen, jenen unfassbaren Johnnys, die sich ihre Helden Arthur Rimbaud, William S.Burroughs, Pier Paolo Pasolini, Federico Garcia Lorca und Jean Genet morgens um 3 am Telefon ausgedacht haben …

Kurzfilme waren für Patti Smith bereits in ihrer Just-Kids-Zeit ein weiteres Experimentierfeld, auf dem man sich erproben konnte. Zum Beispiel entstanden so mit Robert Mapplethorpe Robert Having His Nipple Pierced (1971) und Still Moving (1978). In Three Stones For Jean Genet  (Frieder Schlaich) erzählt unsere fabelhafte Mythomanin von ihrer Liebe zu Jean Genet und einem Versprechen, das sie am Grab von Genet einlöste…

„Selten zuvor war die Rock´n´Roll-Musik so tief in die Nervenenden der Psyche getrieben worden,  wo es weite und ungeahnte Regionen gab, die zu erforschen und zu besiedeln waren – eine Musik, außergewöhnlich intellektuell, aber nicht akademisch, die Musik der Urbs technologica. Sie schien  unseren Bewusstseinszustand zu spiegeln, ein geistiges und emotionales Abenteuertum, das wenig Skrupel kannte und seltsam besessen war und von einigen pervers genannt wurde.“

Egbert Hörmann

Egbert Hörmann (member of our Berlinale Shorts selection committee) about the film “As Rosas Brancas” “The White Roses”

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„Die Trauer (den Kummer) nicht unterdrücken (törichter Gedanke, dass die Zeit sie überwindet), sondern sie verändern, transformieren, sie aus einem statischen Zustand (…) in einen flüssigen Zustand überführen.“

(Roland Barthes, Tagebuch der Trauer)

Von der Präsenz der Abwesenheit, von der wohligen, sicher auch schuldhaft empfundenen  Übersüße der Nostalgie, aber auch von der Verzweiflung über den Klebstoff, den das Leben zusammenhält, handelt As Rosas Brancas (Diogo Costa Amarante). Wie und was und warum festhalten, wie und was und warum loslassen, wenn man in einer Situation tief bewegt ist, dieser tiefen Bewegung doch gleichzeitig als ein erschrockener Fremder gegenübersteht?

Natürlich ist der Spielfilm seit seinen Anfängen mehr als erfüllt von Sterben und Tod (der amerikanische Film ist dabei besonders exzessiv obsessiv), seltsamerweise ist jedoch das Danach, die Trauerarbeit  recht selten das Thema eines Films, allenfalls kommt da Drei Farben Blau von Krzysztof Kieslowski in den Sinn, aber sonst eigentlich nicht mehr viel. Es ist aber auch schwierig: Was sind die angemessenen Ausdrucksmittel, um Trauer/Trauerarbeit zu zeigen, ohne in das Konventionelle, das Klischee zu rutschen? Den Satz von Emily Dickinson „After great pain, a formal feeling comes“ übersetzt  A Rosas Brancas wunderbar in symbolhafte, elegische Tableaux. Der Tod der Mutter wird nicht erklärt, wir können etwas ganz Schlimmes vermuten, er bleibt ein Geheimnis, nicht nur für uns, sondern auch für den Vater und die drei Kinder, die im Verlust eingefroren sind.

Egbert Hörmann

Réka Bucsi about her film “Symphony no. 42″

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I found it important not to interpret or point out certain things, so the characters and situations of the film can exist independently. I tried to stay neutral, to reveal, to present rather than form an opinion. I do not wish to offer a solution or a moral.

The basic idea of the film lies on an interesting human behavior, when witnessing an unknown situation, we unconsciously put it in context according to our own ideas. I wanted to utilize this and have the viewers automatically find their solutions for the given situations.The scenes are interlaced by diverse visual, auditive, sensory or other impressionistic associations. It was important to create a temporal and spacial structure that can tie together all the different locations and characters, so that the viewer can travel seamlessly.

Although the first phase of the making of the film was completely intuitive, in the course of the development a more concrete theme was unfolding and the scenes started to get arranged around it. These 47 observations are focusing on the interactions of humans and nature. Differences between human and animal diminish, everyone is doing their jobs and leaving traces. Every small movement affects another, building an unpredictable, irrational system. I find it soothing that the world around us is often irrational.

The fox, with it’s attempt to describe the material world, the rules of tiny particles that secretly determine our everyday life, sets another world in motion. We wander further and further, to the Milky Way in the fortune-teller’s crystal and it’s cosmic scales. After peeking into 47 scenes, we fall back to the forest, from which we were spying the same universe in the form of a star-spotted sky.

Réka Bucsi